Ohne Zusammenarbeit wirds schwierig

Entlastungslektionen bei Autismus – ein Fallbeispiel aus der Praxis

Letzte Woche rief mich eine verzweifelte Mutter an. Sie sollte die Entlastungslektionen für ihr Kind festlegen.

Dass Entlastungslektionen grundsätzlich möglich sind, ist positiv. Doch wie soll eine Mutter entscheiden, in welchen Lektionen ihr Kind entlastet werden sollte?

Sie weiss nicht, welche Inhalte wann unterrichtet werden und in welchen Fächern eine Reduktion sinnvoll wäre. Sie möchte sowohl ihr Kind als auch die Lehrpersonen unterstützen – fühlt sich mit dieser Entscheidung jedoch überfordert.

Wo findet sie Unterstützung?

Vorgeschichte

Das Kind ist sieben Jahre alt und besucht seit letztem Sommer die erste Klasse. Bereits im Kindergarten wurde die Diagnose ASS (Autismus-Spektrum-Störung) gestellt.

Die Kindergartenzeit war für das Kind sehr belastend. Die Gruppendynamik, die Vielzahl unterschiedlicher Kinder und die ständige Unruhe führten zu einer deutlichen Überforderung. Auch die Lehrperson war durch die hohe Belastung stark gefordert – teils über ihre Belastungsgrenze hinaus.

Hoffnung auf einen Neuanfang

Vor dem Schuleintritt äusserte die Mutter ihre Bedenken. Gleichzeitig hoffte sie, dass der Schulstart einfacher verlaufen würde.

Die neue Lehrperson verfügte über Erfahrung mit Kindern im Autismus-Spektrum und unterrichtete bereits das ältere Geschwisterkind seit zwei Jahren.

Holpriger Schulstart

Mit dem Eintritt in die erste Klasse begannen die Schwierigkeiten.

Das Kind verweigerte den gemeinsamen Spaziergang durchs Quartier – obwohl es zuvor bereit gewesen war, in der Turnhalle Runden zu rennen. Es beteiligte sich nicht am gemeinsamen Zähneputzen mit Fluorzahnpasta, da es den Geschmack als unangenehm empfand – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Inzwischen erhält die Mutter alle zwei Tage einen mindestens zwei A4-Seiten langen Bericht darüber, was ihr Kind im Schulalltag nicht tut – oder eben doch tut.

Wenn Berichte keine Lösung sind

Man stelle sich die Situation vor:

Ein siebenjähriges Kind ist durch das lebhafte Schulsetting stark überfordert. Eine Mutter bemüht sich intensiv darum, zu Hause Ruhepausen und Erholungsräume zu schaffen. Eine Lehrperson versucht ebenfalls, allen Anforderungen gerecht zu werden.

Das Kind zeigt deutliche Überreizung und teilweise körperliche Symptome.

Die vielen Berichte helfen der Mutter jedoch kaum weiter. Sie erfährt, was sie längst weiss: Ihr Kind kann im Klassenverband nicht einfach „mitlaufen“.

Doch sie kann in der Schule nicht direkt eingreifen. Schule ist ein eigenes System, das Zuhause ein anderes. Beide beeinflussen sich – können aber strukturell nicht ineinander handeln.

Zusammenarbeit statt Verantwortungsverschiebung

Gerade bei Kindern mit ASS braucht es eine enge, strukturierte Zusammenarbeit:

  • eine Schulleitung, die Lehrpersonen unterstützt,
  • Lehrpersonen, die sowohl die Klasse als auch das einzelne Kind im Blick behalten,
  • Eltern, die zu Hause einen stabilen Rückzugsort bieten.

Entscheidungen wie die Festlegung von Entlastungslektionen dürfen nicht allein an Eltern delegiert werden. Sie gehören in eine fachlich begleitete, gemeinsame Planung.

Es braucht Verständnis und Goodwill gegenüber dem Kind, den Eltern und den Lehrpersonen.

Fazit

Sich gegenseitig infrage zu stellen oder Probleme einander zuzuschieben, bringt keinem der Beteiligten Vorteile.

Entlastungslektionen können ein sinnvolles Instrument sein – wenn sie gemeinsam geplant, fachlich begleitet und systemisch gedacht werden.

Entscheidend ist, dass alle Beteiligten an einem Tisch sitzen, offen kommunizieren und die bestmögliche Lösung für das Kind entwickeln.

Vorheriger Beitrag
Kindergarten und ASS ein Dreamteam?
Nächster Beitrag
Alltag mit autistischen Kindern – Ein ehrliches Gespräch unter Müttern