Kaffeegespräch unter Müttern von Kindern im Autismus-Spektrum
Kürzlich war ich mit drei Müttern von Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum unterwegs. Wie so oft drehten sich unsere Gespräche um unsere Kinder – und um uns selbst.
Die Teilnehmerinnen
- Mutter 1: zwei Söhne, der Ehemann ebenfalls im Spektrum
- Mutter 2: drei Söhne, eine Tochter, der Ehemann ebenfalls im Spektrum
- Mutter 3: zwei Söhne, ihr Partner und einer der Söhne sind bereits ausgezogen
Das Gespräch
Mutter 1: „Wie geht es dir?“
Mutter 2: „Eigentlich ganz gut.“
Mutter 1: „Echt jetzt?“
Mutter 2: „Na ja, verglichen mit sogenannten „normalen“ Familien geht es uns nicht gut. Aber wir haben einfach ein anderes Normal.“
Gelächter.
Mutter 2: „Wenn ich anderen Müttern erzähle, was bei uns los ist, bleibt ihnen der Mund offen stehen. Wenn sie nett sind, schauen sie mich ungläubig an und fragen: „Wie schaffst du das nur? Ich könnte das nicht.“ Und ich denke dann meistens: Ich kann das eigentlich auch nicht. Aber wer macht es sonst?“
Mutter 1: „Ja, das sieht niemand. Dieser unglaubliche Aufwand, allein zu Hause Stabilität zu gewährleisten.“
Mutter 2: „Ich sage immer, ich muss zu Hause „die Stange halten“. Wenn ich nur ein bisschen loslasse, kippt alles.“
Mutter 1: „Und dann stehe ich da wie eine Mutter, die nicht loslassen kann. Dabei würde ich gern. Aber der Preis dafür ist zu hoch.“
Mutter 2: „Es ist wie ein gedeckter Tisch, der kippt. Das Geschirr, die Gläser, das Besteck – alles fällt zu Boden. Vieles zerbricht und lässt sich nicht mehr reparieren. Bei meinen Kindern ist es genauso. Kippt die Situation, zerbrechen sie innerlich.“
Ein kurzer Moment der Stille.
Mutter 3: „Ich fahre diesen Sommer nach Italien.“
Mutter 1: „Ach, das möchte ich auch …“
Mutter 3: „Dann komm doch mit!“
Mutter 1: „Das geht nicht. Die Jungs allein mit ihrem Vater – das funktioniert nicht. Wenn ich nicht permanent den Überblick behalte, gehen sie nicht mehr arbeiten, essen unregelmässig, verletzen sich oder andere.“
Mutter 2: „Bei uns ist es ähnlich. Dazu kommen die ganzen Termine: Psychologe, Psychiater, Ergotherapie, Sozialberatung, IV …“
Mutter 3: „Hast du niemanden, der dich eine Woche vertreten kann?“
Mutter 1: „Meinen Job als Mutter übernimmt niemand. Die Verantwortung. Die Dauerpräsenz. Und das alles ohne Lohn.“
Mutter 2: „Habt ihr euch das Muttersein so vorgestellt?“
Grosses Gelächter.
Was dieses Gespräch zeigt
Das Leben mit autistischen Kindern bedeutet für viele Mütter eine dauerhafte mentale und organisatorische Hochleistung.
Es ist eine Form von Care-Arbeit, die kaum sichtbar ist – und noch weniger gesellschaftlich anerkannt.
Nach aussen wirkt vieles „funktionierend“.
Im Innern braucht es enorme Stabilisierungskraft, Tag für Tag, Nacht für Nacht.